PNN 3.1.14

Gefahr aus Berlin

von Tobias Reichelt

Wildschweine und Autofahrer geraten in Kleinmachnow und Stahnsdorf immer häufiger aneinander

Kleinmachnow / Stahnsdorf - Die Zahl der Wildunfälle im Jagdgebiet Kleinmachnow und Stahnsdorf ist gestiegen. Im vergangenem Jahr sind zehn Rehe und noch mal zehn Wildschweine in den Ortschaften bei Autounfällen getötet worden. Darüber berichtete der zuständige Jagdpächter Peter Hemmerden in einer Jahresbilanz den PNN. Menschen kamen bei den Autounfällen nicht oder nur leicht zu Schaden. Die Zunahme der Unfallzahlen sei bereits seit einigen Jahren zu beobachten, sagte Hemmerden.

Zunehmend ereigneten sich die Unfälle in den Ortschaften. Autofahrer müssten zum Beispiel auch im Stahnsdorfer Gewerbegebiet oder in der Nähe des Stahnsdorfer Südwestkirchhofs auf der Potsdamer Allee mit Tieren auf der Fahrbahn rechnen. Der Jäger rät deshalb, gerade in der Dämmerung den Fuß vom Gas zu nehmen. „Autofahrer sollten langsamer fahren, damit das Wild und der Mensch eine Chance haben zu reagieren.“

Nach einer regelrechten Wildschweinplage in der Region kann Jagdpächter Hemmerden für das vorige Jahr eine positive Bilanz ziehen. Zwar seien aktuell wieder etwas mehr Sauen in den Orten gesichtet worden – das sei jedoch nicht zu vergleichen mit den Zuständen bei der Pachtübernahme im Jahr 2010. „Wir werden aufgrund der geografischen Lage niemals wildschweinfrei werden und immer gewissen Schwankungen unterliegen“, sagte Hemmerden.

Ein Grund für die Schwankungen sieht Hemmerden bei den Jägern in Berlin. Viele Wildschweine in Kleinmachnow und Stahnsdorf kämen aus dem Berliner Forst. „Der Jagddruck dort ist meiner Meinung nach zu gering“, sagte Hemmerden. „Wir Jäger hier nehmen uns dieser Aufgabe aber ernsthaft an.“

Durch eine konsequente Jagd sei die Zahl der Wildschweine in der Region deutlich reduziert worden. Seit Beginn des Jagdjahres im April wurden 40 Wildschweine und weitere 20 Rehe geschossen. Noch vor drei Jahren kamen den zehn Jägern im Jagdgebiet jährlich allein rund 150 Wildschweine vor die Flinte. Weil sich die Borstentiere damals auch auf Spielplätzen und Schulhöfen in Kleinmachnow tummelten, hatten die Jäger von der Jagdbehörde eine Sondergenehmigung, innerorts schießen zu dürfen. Die Erlaubnis sei angesichts der sinkenden Wildzahlen abgelaufen.

Heute dürften die Jäger nur noch in absoluten Ausnahmefällen innerorts zur Waffe greifen – „weil es mit unheimlichen Risiken verbunden ist“, sagt Hemmerden. Eine Gewehrkugel, die ihr Ziel verfehle, könne zu einem gefährlichen Querschläger für Anwohner werden.

Dass inzwischen weniger Wildschweine ihr Unwesen in den Gärten Stahnsdorfs und Kleinmachnows treiben, sei auch auf die Vernunft der Anwohner zurückzuführen. „Ich glaube, dass viele Bürger gelernt haben.“ Sie hätten Zäune verstärkt, den Komposthaufen abgeschafft und Tiere nicht mehr angelockt.

Trotz aller Jagderfolge werfe das Jahr 2013 für die Jäger der Region aber auch einen tiefen Schatten: Peter Braun, der zweite Jagdpächter der Region, war im Juni überraschend im Alter von 57 Jahren verstorben. „Die Nachricht hat mich wie ein Blitz getroffen. Es ist ein großer Verlust“, sagte Hemmerden. Der 51-jährige Kleinmachnower, der hauptberuflich als selbstständiger Bauingenieur tätig ist, führt die Pacht momentan allein. Erst ab Februar könnte ihm der Stahnsdorfer Jörg Fenske als zweiter Pächter zur Seite stehen. Freude gibt es immerhin über einen Nachwuchsjäger: Paul Braun, der 16-jährige Sohn des verstorbenen Jagdpächters Peter Braun, will in die Fußstapfen seines Vaters treten. Als Schüler darf er zwar keine Waffe besitzen, aber nach bestandener Prüfung seit wenigen Wochen nun in Begleitung schießen.

„Die Jagd bedeutet viel Arbeit und Verantwortung“, sagt Hemmerden. Die Jäger der Region seien ständig in Bereitschaft. Wer ein Wildschwein sichte, könne sich per E-Mail oder Internetseite an die Pächter wenden. Ein Dienst, der seit der Einführung vor drei Jahren gut angenommen werde, sagte Hemmerden.

Aber auch andere technische Helfer wie eine Wildkamera und sogenannte Wilduhren helfen den Jägern, den Tieren in den Wäldern auf die Schliche zu kommen. Die Jagd sei notwendig, sagte Hemmerden. „Wir müssen das Wild reduzieren“, anderenfalls fressen die Tiere im Wald frische Triebe ab oder zertreten Jungbäume. „Ich betrachte mich als Tierschützer“, sagte Hemmerden. Eine gesunde Population sei gut für Wälder und Wiesen und verhindere die Ausbreitung von Krankheiten unter den Tieren. Zudem sei es ein Schutz für den Mensch: Denn kommen die Tiere wieder öfter in die Ortschaften, werden Wildunfälle wahrscheinlicher.

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HINTERGRUND Was tun, wenn’s grunzt?

Wildschweine in Stahnsdorf, Kleinmachnow und auch Teltow sind keine Seltenheit. Gerade auf den bei Fußgängern beliebten Strecken in Wäldern oder an Wiesen kann man die Schwarzkittel antreffen. Jagdpächter Peter Hemmerden rät bei solchen Begegnungen zur Ruhe: Wer beim Spaziergang auf Wildschweine trifft, sollte sich keine Sorgen machen. „Wildschweine sind keine Raubtiere“, sagt Hemmerden. In der Regel flüchten die Tiere – das gilt aber nicht zu jeder Jahreszeit. Wer die Tiere reizt oder wenn sie im Frühjahr ihre Jungen beschützen wollen, können sie auch mal zubeißen. „Dann kann man versuchen, Krach zu machen, um die Tiere so zu beeindrucken.“ Hundebesitzer sollten ihre eigenen Vierbeiner in Wildschweingebieten stets an der Leine führen. Zu den bekannten Wildschweingebieten gehören in der Region unter anderem die Wege am Teltowkanal, das Gebiet rund um die Kleinmachnower Hakeburg und auch der Wald hinter dem Kleinmachnower Weinberg-Gymnasium. tor